Die Gesundheitsminister wollen nun auch 12- bis 17-Jährigen ein Impfangebot unterbreiten. Damit folgen sie erstmals nicht mehr der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Diese Uneinigkeit von Politik und STIKO führt zu einer großen Verunsicherung[1].

Gründe für die unterschiedliche Sichtweise sind, dass die STIKO allein das Wohl des einzelnen Individuums sieht und nicht im Gesamtzusammenhang des psychosozialen Zusammenlebens. Prinzipiell  müsste man, um ein Kinderleben zu retten, 100.000 Kinder dieser Altersgruppe impfen. Da sehr  seltene Impfnebenwirkungen nicht gänzlich ausgeschlossen werden können, hat die STIKO daher nur Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen für eine Impfung vorgesehen. Die übrigen Vertreter, wie die Europäische und Amerikanische Zulassungsbehörden EMA und FDA, sowie die SIKO (Sächsische Impfkommission) und CDC (Centers for Disease Control and Prevention) sind dagegen der Auffassung, dass Covid-19 nur erfolgreich bekämpft werden kann, wenn eine möglichst hohe Impfquote aller Bevölkerungsgruppen vorliegt. Dabei liegen Ihnen die gleiche Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer vor, an der circa 2.000 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren teilgenommen haben.  Die Wirksamkeit der Impfung lag bei 100 Prozent. Keines der rund 1.000 tatsächlich mit Biontech/Pfizer geimpften Kinder entwickelte eine Coronainfektion. In der Placebogruppe kam es dagegen zu 16 Infektionen. Generell wurde die Impfung gut vertragen, es gab Reaktionen an der Einstichstelle und gelegentlich grippeähnliche Symptome, die aber nach wenigen Tagen verschwanden.

Deshalb, so die EMA, überwiegt auch in dieser Altersgruppe der Nutzen das Risiko, und deshalb hat sie den Impfstoff auch für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen.

 

Warum impfen Israel und die USA Kinder schon länger?

Verschiedene Länder stufen SARS-CoV-2 für Kinder als unterschiedlich gefährlich ein und wägen individuell ab, ob der Nutzen der Impfung überwiegt oder nicht. US-amerikanische Kinderärzte geben an, dass Kinder zwei Prozent der Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 ausmachen – Tendenz steigend, weil ältere Menschen zunehmend geimpft sind.

Zwar entwickeln auch bei uns die Mehrzahl der Kinder bei Covid-19 nur milde oder gar keine Symptome. Doch es gibt Hinweise, dass auch Kinder lange mit den Spätfolgen zu kämpfen haben. Eine italienische Studie[2] hat bei einem Drittel der Kinder nach einer SARS-CoV-2-Infektion Long Covid beobachtet. Eine repräsentative Studie des britischen Office of National Statistics[3] zeigt niedrigere Häufigkeiten für Long Covid von zwischen 10 und 13 Prozent. Hinzu kommt in sehr seltenen Fällen das sogenannte PIMS-Syndrom[4] – eine schwere Entzündungserkrankung verschiedener Organe nach 4-6 Wochen einer Covid-Infektion.

Viel wichtiger als möglichen Spätfolgen und oder seltene – überwiegend gut beherrschbare – Impfnebenwirkungen ist, dass die Impfung der 12-17 Jährigen einen erheblichen Einfluss auf soziale Kontakte einbezieht. Man hat gesehen, dass die bisherigen Lockdown-Maßnahmen sehr viel mehr Schäden bei den Kindern und Jugendlichen angerichtet haben als die Erkrankung selbst. Schließungen von Schulen, Kindergärten und Sportstätten müssen zukünftig vermieden werden, was man allein mit dem „Lollitest“ und den weiterhin nicht vorhandenen Luftreinigern nicht verhindern werden wird[5].

 

Aktuelle Lage in Deutschland:

Knapp über die Hälfte der Deutschen sind  inzwischen vollständig geimpft, doch das Tempo bei den Impfungen lässt deutlich nach. Das Robert Koch-Institut (RKI) hält es angesichts der zunehmenden Verbreitung der hochansteckenden Delta-Variante zudem inzwischen für nötig, dass 90 Prozent der über 60-Jährigen und mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen den vollen Impfschutz bekommen.

 

Etwa 4,5 Millionen 12- bis 17-Jährige gibt es in Deutschland, sie machen damit etwa zehn Prozent der knapp 50 Millionen 12- bis 59-Jährigen aus. Da nicht alle Erwachsenen bereit sind, sich zu impfen und manche Menschen wie Schwangere auch aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, wird eine Impfquote von 85 Prozent in dieser Altersgruppe daher ohne Impfungen bei Minderjährigen über 12 Jahren kaum erreichbar sein. Die Impfung sollte aber nur erfolgen, „wenn alle – sowohl Impfling als auch Sorgeberechtigte und natürlich der Impfende – zustimmen“. Eine Impfpflicht halte ich auch hier für nicht zielführend. Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung muss weiterhin jeder für sich und sein Kind selbst treffen.

Was ist mit Impfstoffen für jüngere Kinder?

Bei den Herstellern der aktuell in Deutschland zugelassenen Impfstoffe laufen klinische Studien zur Impfung von jüngeren Kindern. Moderna untersucht in einer klinischen Studie mit dem Namen „KidCove“ seinen Impfstoff an etwa 6.750 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten bis zwölf Jahren[6]. Auch Biontech und Pfizer testen ihren Impfstoff an Kindern ab sechs Monaten – demnach sollen insgesamt 4.500 junge Menschen bis zu einem Alter von zwölf Jahren den Impfstoff auf Verträglichkeit und Wirksamkeit testen. Biontech geht nach eigenen Angaben davon aus, dass belastbare Daten bis September verfügbar sein werden[7].

 

[1] https://dgpi.de/pims-survey-update

[2] Preliminary evidence on long COVID in children, Danilo BuonsensoDaniel Munblit,- Erstveröffentlichung: 09. April 2021. https://doi.org/10.1111/apa.15870

[3] Mental health of Adolescents in the Pandemic: Long-COVID19 or Long-Pandemic Syndrome? Judith Blankenburg – https://doi.org/10.1101/2021.05.11.21257037

[4] https://dgpi.de/pims-survey-update

[5] https://www.deutschlandfunk.de/corona-impfung-stiko-mitglied-kinder-und-jugendliche-haben.694.de.html?dram:article_id=501171

[6] https://www.kp-scalresearch.org/kidcove-study/

[7] https://www.deutschlandfunk.de/corona-impfung-ab-zwoelf-jahren-sollten-eltern-ihre-kinder.2897.de.html?dram:article_id=497080